An jenem Samstag, als über dem Niederrhein eine so geschlossene Wolkendecke hing, dass man sie eigentlich hätte als Dachsteuer ansetzen können, beschloss Martha Klinkenberg, ihren Mann zu vermissen. Es war halb zehn, eine Zeit, zu der Horst normalerweise schon dreimal durchs Wohnzimmer gelaufen war, um zu schauen, ob der Kaffee „jetzt endlich durch“ sei.
Stattdessen war im Haus eine merkwürdige Leerstelle. Nur der Geschirrspüler brummte, die Standuhr behauptete trotzig, es sei fünf vor neun, und irgendwo draußen machte der Rasenmähroboter dieses leise summende Geräusch, das so tat, als sei Ordnung etwas, das man in Streifen schneiden könne.
Martha schob den Vorhang zur Seite. Der Garten lag da wie immer: leicht beleidigte Hecke, entschlossener Kirschbaum, ein Beet, in dem seit Jahren nichts so richtig wusste, ob es leben oder sterben wollte. Und mittendrin zog der Roboter seine Bahnen. Ein flacher, grüner, zylinderartiger Klotz, den Horst „Ludwig“ genannt hatte.
Dass der Rasenmähroboter Ludwig hieß, war nur der letzte Punkt auf einer langen Liste von Dingen, über die Martha nicht mehr diskutierte.
Ludwig fuhr unbeirrt seine Route. An der Terrassenkante entlang, mit einem entschlossenen „brrr“, dann ein angedeuteter Schwung um den Vogeltränkenfuß, anschließend der große Bogen am Komposthaufen vorbei. Jedes Mal, wenn er dort ankam, ruckte er kurz, als überlege er: Soll ich? Soll ich nicht? Dann fuhr er weiter, als sei ihm eingefallen, dass Nachdenken nicht in seiner Betriebsanleitung vorgesehen war.
Martha runzelte die Stirn. Irgendetwas stimmte nicht.
Da war eine Stelle im Rasen – gar nicht weit von der alten Wäschespinne –, die Ludwig sorgfältig mied. Er fuhr schnurgerade darauf zu, hielt knapp davor an, summte kurz, drehte ab, machte eine exakte, fast pedantische Schleife, und setzte dann seine Bahn fort. Immer die gleiche Lücke, als hätte jemand ein unsichtbares „Betreten verboten“-Schild aufgestellt.
„Horst?“, rief Martha in den Flur hinein.
Keine Antwort.
Der Roboter summte weiter, zuverlässig, gleichgültig, fleißig. Martha hörte ihn durch die geschlossene Terrassentür, dieses beharrliche Geräusch, das seit zwei Jahren mindestens so präsent in ihrem Leben war wie Horsts Schnarchen. Man konnte, wenn man die Augen schloss, nicht sicher sagen, was einen mehr in den Wahnsinn trieb.
Sie ging durch die Küche, am Kühlschrank vorbei, in dem Joghurtbecher lebten, deren Haltbarkeitsdatum bereits ein politisches Thema hätte sein können. Kein Horst. Im Wohnzimmer: zwei Sessel, ein Fernseher, ein Sofa, auf dem sich Kissen sammelten wie Ausreden. Kein Horst.
Die Terrassentür war nur angelehnt.
Das war sie nie.
Martha blieb einen Moment davor stehen, als hätte sie die Tür ertappt. Dann schob sie sie auf.
Der Garten roch nach feuchter Erde und dem vagen Versprechen, dass bald wieder irgendetwas blühen würde, was dann die Nachbarn kritisieren konnten. Der Rasen war noch leicht vom Tau dunkler, außer in den Spuren, in denen Ludwig bereits gefahren war. Eine hellere, ordentliche Zeichnung, als hätte jemand ein Lineal über das Gras gelegt.
Und dort, wo Ludwig seine merkwürdige Schleife machte, lag Horst.
Er lag auf dem Rücken, ein Arm seltsam von sich gestreckt, der andere halb angewinkelt, als habe er versucht, sich zu erinnern, wie man sich elegant hinlegt, und sei dann mitten im Versuch gestorben. Seine Brille hing schief, sein Gesicht zeigte einen Ausdruck, den Martha bei ihm lange nicht gesehen hatte: Stille, nicht als Pause, sondern als endgültiger Zustand.
Neben seiner Hand lag ein Schraubenzieher. Ein großer, ernster Schraubenzieher, der aussah, als könne er mindestens drei Ehen retten oder ruinieren, je nachdem, wie man ihn verwendete. Ein Stück weiter entfernt lag das Kabel der alten Gartensteckdose lose im Gras; der Stecker war nur halb eingesteckt, als hätte ihn jemand überrascht, bevor er seine Aufgabe zu Ende bringen konnte.
Martha blieb zuerst einfach stehen. Ihr erster Gedanke war: Typisch, er lässt wieder alles liegen. Ihr zweiter Gedanke war, dass dieser erste Gedanke womöglich unangebracht sein könnte.
„Horst?“, sagte sie, aber leiser, als wolle sie die Situation nicht aufscheuchen.
Er antwortete nicht. Die einzige Reaktion im Garten war das monotone „brrr“ von Ludwig, der exakt in diesem Moment wieder auf seine Schleife zusteuerte, einen knappen halben Meter vor Horsts Schuhen abbremste, kurz summte, ein wenig nach links drehte und weiterfuhr – mit so demonstrativer Gleichgültigkeit, dass es fast beleidigend war.
Martha starrte erst auf ihren Mann, dann auf den Roboter. Durch ihr Bewusstsein huschte der absurde Gedanke, dass wenigstens jemand in diesem Haushalt noch wisse, was seine Aufgabe sei.
Sie schrie nicht. Nicht, weil sie besonders tapfer gewesen wäre, sondern weil sie Schreien grundsätzlich für etwas hielt, das man in Häusern mit Laminatboden tut, nicht mit Teppich in der Diele. Stattdessen sagte sie mit derselben Stimme, mit der sie früher Horst informiert hatte, dass der Aufschnitt alle sei: „Das ist jetzt sehr unpraktisch.“
In diesem Moment klingelte es an der Haustür.
Die Nachbarin von gegenüber, Gisela Reimers, war eine Frau in einem Alter, in dem man aufhörte, sich dafür zu rechtfertigen, alles mitzubekommen. Sie hatte jene Form von hellwacher Müdigkeit im Blick, die Menschen entwickeln, die ihr ganzes Leben am selben Ort verbringen und trotzdem nichts verpassen wollen.
„Martha?“ Gisela steckte den Kopf zur Terrassentür herein, die Martha anscheinend offengelassen hatte. „Alles in Ordnung? Der Ludwig fährt heute so komisch.“
Martha drehte sich zu ihr um. „Wie bitte?“
„Der Roboter“, sagte Gisela und zeigte Richtung Garten. „Der macht da hinten so ’ne Lücke. Horst hat das doch sonst immer so eingestellt, dass der alles mitnimmt, wie bei diesen Eisenbahnen. Und jetzt…“
Sie sah Horst.
Es war bemerkenswert, wie schnell sich das Gesicht eines Menschen verändern konnte, wenn es plötzlich eine Leiche sah. Gisela schnappte einmal kurz nach Luft, nicht sehr laut, eher wie jemand, der feststellen muss, dass die Milch sauer ist.
„Ich ruf den Notarzt“, sagte sie automatisch. Und dann, nach einem Blick auf Ludwig, der wieder seine seltsame Umrundung machte: „Und vielleicht… die Polizei.“
Die Polizei in der niederrheinischen Stadt, in der Horst und Martha lebten, war an Samstagen in einer ähnlichen Verfassung wie der Ort selbst: anwesend, aber nur begrenzt motiviert. Kommissar Andreas Brehm war allerdings froh über jede Unterbrechung. Sein Privatleben war in letzter Zeit so leise geworden, dass er in der Kantine angefangen hatte, die Inhaltsstoffe der Ketchup-Tütchen zu lesen.
Eine knappe halbe Stunde später stand er im Garten der Klinkenbergs. Der Notarzt war schon wieder weg, mit diesem professionell bedauernden Gesichtsausdruck, den Menschen bekommen, wenn sie dafür bezahlt werden, der Realität schlechte Nachrichten zu überbringen.
„Treppenstürze, vom Keller hoch, dann vermutlich Kreislauf, raus auf den Rasen, frische Luft schnappen wollen, zack“, hatte er gemurmelt. „Oder andersrum. Herz, dann Sturz. Ist aber so oder so zu spät.“
Nun lag Horst noch immer da, sorgfältig mit einem Tuch abgedeckt, das seine Konturen eher betonte als verbarg. Und Ludwig fuhr auf seinen Bahnen, als handle es sich um eine besonders anspruchsvolle Prüfung.
„Der fährt um ihn rum“, sagte Gisela halblaut, mehr zu sich selbst als zu irgendwem anders. „Immer um ihn rum. Das ist doch nicht normal.“
„Der Roboter“, stellte Brehm sachlich fest, „scheint einen Hindernissensor zu haben.“
Er beobachtete, wie Ludwig in die problematische Zone einfuhr, voreinander liegende Opfer: Rasen, Leiche, Roboterprogramm. Der Mäher rollte vor, stoppte knapp neben Horsts Schulter, brummte ein wenig, drehte ein paar Zentimeter nach links und fuhr weiter, den Körper wie ein Möbelstück behandelnd, das der Gartengestaltung widersprach.
„Horst hat den immer ganz genau eingestellt“, sagte Martha. Sie stand mit gefalteten Händen neben der Terrassentür, als sei sie für den Garten nur zu Besuch hier. „Dienstags, Donnerstags, Samstags. Und er hat immer gesagt: Der fährt alles ab, da bleibt keine Stelle übrig.“
„Nur heute“, murmelte Gisela. „Heute lässt er was übrig.“
Brehm machte sich eine Notiz, obwohl das mit dem Roboter vermutlich für kein Formular der Welt relevant sein würde. Polizisten schreiben besonders gern dann, wenn sie nicht wissen, was sie tun sollen.
Drinnen, am Küchentisch, stellte Brehm die gewohnten Fragen: Vorerkrankungen, Medikamente, Alkohol, Streitigkeiten, plötzliche Lebensveränderungen. Martha antwortete sachlich, als ginge es um Müllabfuhrtermine.
„Er wollte neulich ’nen Hochbeet-Bausatz aus dem Baumarkt holen“, sagte sie. „Das war so ziemlich das Wildeste schon seit Jahren.“
„Gab es… Feinde?“, fragte Brehm, weil man das fragen muss.
„Horst?“, sagte Gisela von der Tür her. „Wenn er Feinde hatte, dann in irgendeinem Internetforum, wo alte Männer sich über neue Schraubensysteme aufregen.“
„Gisela“, sagte Martha. „Bitte.“
„Entschuldigung“, sagte Gisela, ohne es zu meinen.
Brehm schnippte mit dem Kugelschreiber. „Und der Roboter – wer bedient den?“
„Horst“, sagte Martha. „Ich drücke manchmal auf ‚Stop‘, wenn ich meine Ruhe haben will. Alles andere ist… war seine Sache.“
„Konnte er an der Elektrik rumfummeln?“, fragte Brehm.
„Er hat an allem rumgefummelt“, sagte Martha. „Aber es ist meistens gut gegangen. Bis heute. Er sagt immer, er war beruflich Ingenieur.“
Brehm dachte an das lose Kabel, den Schraubenzieher, den leichten Brandgeruch, den er draußen auf dem Rasen wahrgenommen hatte. Nichts Konkretes, eher ein Hauch von „Das hier war keine gute Idee“.
„Und die Zeit?“, fragte er. „Wann haben Sie ihn zum letzten Mal gesehen?“
„Gestern Abend“, sagte Martha. „Er wollte noch kurz ‚unten was fertig machen für den Garten morgen‘. Später habe ich ihn schnarchen gehört. Dachte ich. Vielleicht war es auch…“ Sie sah kurz zum Fenster, wo Ludwig wieder mit mildem Starrsinn eine perfekte Kurve zog. „…der Roboter.“
Die rechtsmedizinische Untersuchung würde später zu dem Ergebnis kommen, dass Horst an einer Mischung aus Herzversagen und Stromschlag gestorben war. Die Reihenfolge blieb unklar, was alle Beteiligten beruhigender fanden, als sie es zugeben wollten. Es gab keine eindeutigen Spuren von Fremdeinwirkung; der Schraubenzieher trug nur seine Fingerabdrücke, das Kabel wies Schmorstellen auf, die zu Horsts bekannten Ambitionen in Sachen „Ich mach das selber“ passten.
Der Fall wurde als tragischer Unfall geführt.
Nur Brehm saß zwei Tage später noch im Büro und blätterte durch die Fotos. Auf einem sah man den Rasen von oben: das orthogonale Muster von Ludwigs Bahnen, akkurat wie das Notenblatt eines sehr monotonen Liedes. Und mittendrin eine ungemähte Insel, auf der Horsts Umriss zu erkennen war – ein Negativbild, das im Gras zurückgeblieben war.
„Der Roboter“, murmelte Brehm. „Hat ihn nicht erwischt. Nicht mal aus Versehen.“
Es war völlig logisch: Sensoren, Hinderniserkennung, Sicherheitsvorschriften. Trotzdem blieb da dieses kleine, hartnäckige Gefühl, dass die Maschine mehr Rücksicht genommen hatte, als man ihr zugestehen wollte.
Martha stellte drei Wochen später Ludwigs Timer um. Der Roboter fuhr nun nicht mehr Dienstags, Donnerstags und Samstags, sondern „an Tagen, an denen ich es nicht so mitkriege“, wie sie Gisela erklärte. Also vor allem vormittags, wenn sie einkaufen war oder beim Friseur oder bei einem der Ärzte, die ihren Kalender neuerdings interessanter fanden als sie selbst.
Der Rasen hatte sich von dem Schock erholt. Die ungemähte Insel, auf der Horst gelegen hatte, war nach und nach verschwunden, nicht aus Erinnerung, aber aus Graslogik. Ludwig fuhr jetzt wieder überall, auch über jene Stelle, die er damals ausgelassen hatte. Der Sensor hatte neu kalibriert, die Welt war wieder glatt.
Beim Beerdigungskaffee war der Roboter trotzdem Thema. Der Pastor war ein freundlicher Mann mit einem Gesicht, das so wirkte, als sei es hauptsächlich dafür gemacht, Verständnis zu zeigen.
„Und dann lag er da, mitten aufm Rasen“, berichtete Gisela in einer Lautstärke, die den Rahmen des christlichen Trostes etwas sprengte. „Und der Ludwig ist immer so – drum rum. Ganz vorsichtig. Das müssen Sie sich vorstellen, Herr Pastor!“
„Moderne Technik“, sagte der Pastor und rührte in seinem Kaffee, als hoffe er, dort eine passende Reaktion zu finden. „Hat… viele Facetten.“
Ludwig fuhr just in diesem Moment an der Terrassentür vorbei, stieß leicht an den Rahmen, ruckte zurück und zog seine Bahn weiter. Das Summen drang in die Küche, gedämpft und doch hartnäckig.
„Er ist sehr zuverlässig“, sagte Martha und wusste nicht genau, wen sie meinte.
Als alle gegangen waren und das Haus zu seiner neuen Normalität zurückgefunden hatte, setzte sie sich in Horsts alten Sessel – oder, wie sie ihn inzwischen nannte, „den freien Platz“. Die Terrassentür stand einen Spalt offen. Man hörte Ludwig noch, wie er die letzten Bahnen zog. Ein monotones, beruhigendes Summen, fast so, als würde jemand sehr leise singen. Ein Lied ohne Melodie, aber mit Überzeugung.
Sie dachte an den Vormittag, an Horst im Gras, an Gieselas Satz: „Der Ludwig fährt heute so komisch.“ Dieses Ausweichen, die sorgfältige Schleife um den Körper herum, das ungemähte Rechteck wie ein letzter Respekt.
Natürlich war es nur Technik. Sensoren, Algorithmen, Herstellerangaben. Der Roboter hätte genauso gut um einen umgefallenen Gartenschlauch einen Bogen gemacht. Ludwig trug kein Geheimnis in sich, keine Botschaft und schon gar kein Mitleid. Er tat nur, wofür er gebaut worden war: Er ignorierte alles, was kein Gras war.
Es war eine Haltung, die Martha auf eine seltsame Weise tröstlich fand.
Am Niederrhein senkte sich der Abend über die Reihenhäuser, als hätte jemand den Dimmer gefunden, von dem niemand mehr wusste, wo er war. Auf den Terrassen gingen nach und nach die Lichter an, irgendwo lief eine Schlagersendung, irgendwo stritten Leute leise, irgendwo fragte ein Kind, warum Sterne so weit weg seien.
Im Garten der Klinkenbergs fuhr Ludwig noch eine letzte Schleife, über die Stelle hinweg, an der Horst gelegen hatte, nun wieder nur ein Stück Rasen unter vielen. Dann kehrte er zu seiner Ladestation zurück, dockte an, summte kurz ein anderes Geräusch und wurde still.
Wenn es so etwas wie einen Mittelpunkt des Universums gab, dachte Martha, während sie die Terrassentür schloss, dann lag er vermutlich irgendwo zwischen der Stelle im Gras, an der er gestorben war, und der Ladestation dieses dummen, stur pflichtbewussten Roboters. Und das Universum hatte entschieden, sich nicht weiter dazu zu äußern.
Sie machte das Licht aus. Draußen würde das Gras weiter wachsen.






