Ursprünglich lebten wir in Höhlen, deren Innenarchitektur sich im Wesentlichen aus Rauch, Schatten und nicht ganz ausdiskutierten Knochenresten zusammensetzte. Auf der täglichen To-do-Liste standen damals so moderne Punkte wie „nicht erfrieren“, „nicht verhungern“ und „nicht von Säbelzahntiger oder Nachbarsippe gefressen werden“. Ein Leben von märchenhafter Klarheit: Wer am Abend noch atmete, hatte im Projekt „Existenz“ einen Erfolg verbucht.
Seitdem war die Menschheit nicht untätig. Man erfand das Rad, die Dampfmaschine, das Auto, das Handy und schließlich die künstliche Intelligenz, damit heute wenigstens jemand weiß, wo die nächste Pizzeria ist, wenn der Homo sapiens wieder einmal gnadenlos am Leben scheitert, weil seine PIN ihm entfallen ist. Viel verändert hat das alles am Innenleben aber erstaunlich wenig. Die Instinkte sind nämlich weitgehend gleich geblieben: Wir erschrecken vor plötzlichen Geräuschen, essen zu viel Zucker und betrachten Fremde noch immer zunächst als potenzielle Konkurrenten im Kampf um das letzte Stück Käsekuchen.
Als Mut noch einen Zweck hatte
Die Rollenverteilung in der Höhle war, wie man rückblickend sagen muss, recht klassisch besetzt. Die Frauen hüteten Kinder, sammelten Beeren, organisierten das damals sehr analoge Familienmanagement und sorgten dafür, dass alle genügend Vitamine und emotionale Stabilität hatten. Die Männer hingegen waren zuständig für die Dinge, die sich später unter dem Schlagwort „Actionfilm“ durchgesetzt haben: Jagd, Kampf, das vorsichtige Klopfen an die Nachbarhöhle, um zu prüfen, ob man sie gegebenenfalls übernehmen kann, falls die eigene Immobilienlage unbefriedigend ist.
Für diese Tätigkeiten benötigte man Mut, Draufgängertum und eine gewisse Bereitschaft, sich mit einem Stein in der Hand vor etwas zu stellen, das deutlich größer und zahnreicher war als man selbst. Die Natur, bekannt für ihre rustikalen Personalentscheidungen, entschied daher: Der Mann bekommt etwas mehr Risikoaffinität, die Frau etwas mehr Verantwortungsbewusstsein. Nicht aus Gründen der Gerechtigkeit, sondern aus Gründen der Effizienz. Die Frau kann im Ernstfall nicht so einfach ersetzt werden – sie ist gewissermaßen die Produktionsstätte neuer Menschen. Der Mann hingegen ist im Reproduktionsbetrieb eher ein Zulieferer, und zwar ein solcher, von dem man keinen lückenlosen Liefernachweis benötigt.
Die Schlussfolgerung der Natur war nüchtern und aus Sicht der heutigen Männlichkeit, die sich selbst gern als Krönung der Schöpfung betrachtet, leider etwas verletzend: Männer dürfen ruhig mutiger sein, sie dürfen ruhig mehr riskieren, denn falls einer nicht zurückkommt, ist das für die langfristige Fortführung der Sippe kein logistisches Drama. Biologisch gesprochen: Es braucht erstaunlich wenige Männer, um eine erstaunlich große Anzahl von Menschen zu erzeugen. Rein rechnerisch ist der einzelne Mann also eher eine variable Größe, während die Frau das constante Element in der Gleichung bleibt. Eine Party, auf der fünf Frauen und ein Mann sind, ist aus Sicht der Natur vollkommen ausreichend, um statistisch gesehen die nächsten Generationen zu sichern. Für den Mann ist das höchstens organisatorisch anstrengend, aber keineswegs existenzbedrohend.
Nun muss man der Natur zugutehalten, dass sie einen gewissen Sinn für Fairness zu haben scheint – jedenfalls in der Produktion. Sie hat sich dafür entschieden, ungefähr gleich viele Mädchen wie Jungen zur Welt kommen zu lassen. Das wirkt zunächst wie ein freundlicher Akt der Gleichberechtigung, ist aber bei genauerer Betrachtung nur die Vorbereitung eines großen Ausmistungsprogramms. Die Idee dürfte in etwa so gelautet haben: „Ich produziere mal 50 Prozent Männer und 50 Prozent Frauen, und dann schicke ich die Hälfte der Männer mit ordentlich Testosteron bewaffnet auf die Jagd. Der Rest erledigt sich von selbst.“ Ein früher und sehr effizienter Ansatz der natürlichen Mitarbeiterreduktion.
Das lief auch lange hervorragend. Wer zu mutig war, wurde gefressen, überfallen oder starb an einer unvorteilhaften Begegnung mit Schwerkraft und Felsvorsprung. Wer weniger mutig war, blieb zu Hause, lernte kochen oder entwickelte eine rudimentäre Musikalität, die später zu Singer-Songwritern führen sollte, aber das konnte die Natur damals noch nicht ahnen. Jedenfalls sorgte die raue Umwelt zuverlässig dafür, dass die Männerpopulation auf ein verträgliches Maß reduziert blieb – ähnlich wie ein Selbstregulierungssystem für übermotivierte Praktikanten in Großkanzleien, nur mit mehr Keulen.
Was geschieht, wenn keiner mehr vom Mammut gefressen wird
Dann allerdings tauchten nacheinander Tierhaltung, Ackerbau, Polizei, Krankenversicherung und TÜV auf. Die Jagd verwandelte sich in eine solide Schweinemast mit ergonomisch korrekten Ställen, das Schlachtfeld wurde zu einem Gerichtssaal, in dem die Helden nicht mehr sterben, sondern lediglich in der zweiten Instanz verlieren, und das größte Risiko im Berufsleben besteht heute darin, sich beim Ausdrucken eines PDFs einen leichten Papierschnitt zuzuziehen.
Mit anderen Worten: Die natürliche Ausdünnung der Männer durch lebensbedrohliche Abenteuer ist weitgehend weggefallen. Selbst wer den ganzen Tag „Mut“ verkörpert, tut dies meist in Form einer E-Mail an die Geschäftsführung, in der er um ein moderates Gehaltsupdate bittet. Das Risiko, den Weg zurück in die heimatliche Höhle nicht anzutreten, ist heutzutage fast vollständig ausgelagert an Motorsportveranstaltungen, Stuntshows und Formate, in denen junge Männer sich freiwillig von Gebäuden stürzen, um herauszufinden, ob der menschliche Körper wirklich aus 70 Prozent Wasser besteht oder ob sich da nicht doch noch eine versteckte Betonkomponente findet.
Das eigentliche Problem der Moderne: Es gibt jetzt zu viele Männer. Also nicht individuell – individuell ist jeder Mann selbstverständlich ein einzigartiges Schneeflöckchen, das sehr gern Craft Beer trinkt – aber statistisch. Die Zahl der Männer, die die Natur einst großzügig geplant hatte, war auf die Annahme gestützt, dass jeden Tag einige davon in irgendeinem Gebüsch verschwinden. Diese kalkulierte Verlustrate ist jedoch nicht mehr vorhanden. Die Männer bleiben einfach da. Sie sitzen herum, sie haben W-LAN, und sie fragen sich: „Wofür bin ich eigentlich noch gut?“
Das Patriarchat als Trostsystem des Mannes
Hier setzt nun eine der beeindruckendsten kulturellen Leistungen der Männlichkeit ein: die Erfindung des Patriarchats. Genauer gesagt: ein gigantisches Beschäftigungsprogramm für eine überzählige Gruppe von Menschen mit historischer Neigung zu Risiko und gegenwärtiger Überfüllung in Großraumbüros. Wenn die Umwelt nicht mehr dafür sorgt, dass man nützlich ist, muss man eben die Umwelt so umorganisieren, dass man nützlich wirkt.
Und so begannen Männer, die Welt in eine Art riesige Organisationspyramide zu verwandeln. Ganz oben sitzt – wenig überraschend – ein Mann. Darunter: weitere Männer, die kontrollieren, verwalten, entscheiden, regeln, genehmigen, untersagen, beaufsichtigen, beaufsichtigen, beaufsichtigen und protokollieren, dass sie beaufsichtigen. Man könnte sagen: Der Mann stellt sich mit federführendem Ernst zwischen die Realität und die Frau und sagt: „Das mache ich.“
Wobei „das“ häufig Dinge meint, die die Frau auch ohne weiteres könnte, teilweise sogar schneller, besser und ohne diese eigentümliche Stirnfalte. Dennoch wird „das“ fortan verwaltet, geregelt, abgesichert, mit Formularen versehen und in Sitzungen besprochen. So entsteht eine gefühlte Wichtigkeit, die dem Mann hilft, abends einzuschlafen, ohne von der tiefen und verstörenden Erkenntnis heimgesucht zu werden, dass er biologisch inzwischen ungefähr den Stellenwert eines Nachrüstteils hat.
Das Patriarchat ist, wenn man es wohlwollend betrachten möchte, nichts anderes als eine jahrtausendealte, sehr ausgedehnte Maßnahme zur therapeutischen Stabilisierung des männlichen Selbstwertgefühls. Die Grundstruktur lautet:
„Die Frauen sorgen dafür, dass die Menschheit weiter existiert und funktional bleibt. Die Männer sorgen dafür, dass niemand vergisst, dass sie auch noch da sind.“
Je weniger echte Lebensgefahr, desto mehr symbolische Wichtigkeit. In Abwesenheit von Mammuts stürzt sich der moderne Mann auf Organigramme. Er wechselt von der Speerspitze zur Powerpoint. Das Schlachtfeld ist jetzt ein Meetingraum mit Beamer. Wenn sich dort zwei Männer bekämpfen, sterben keine Körper mehr, sondern höchstens Projektideen. Dafür wird aber noch immer mit jener Ernsthaftigkeit diskutiert, als ginge es um die Frage, wer heute die Höhle verteidigt und wer zum Feind geht, um ihm den Mammut-vorbereiteten Vorspeisenteller aus der Hand zu schlagen.
Die Frauen beobachten das und haben inzwischen den Verdacht, dass es sich beim Patriarchat im Kern um ein sehr aufwendiges Spiel handelt, dessen Hauptzweck nicht darin besteht, sie zu unterdrücken – obwohl das praktischerweise gleich mit erledigt wird –, sondern darin, die Männer vor der Erkenntnis zu schützen, dass die Natur sie ursprünglich als leicht auswechselbare Spezialkräfte vorgesehen hat. So wie man beim Fußball sehr viele Ersatzspieler hat, obwohl erfahrungsgemäß nur elf auf dem Platz benötigt werden.
Wenn man es ganz knapp zusammenfassen möchte: Früher starben Männer, damit die Sippe überlebt. Heute regieren Männer, damit sie selbst abends besser einschlafen.
Unter dieser Prämisse wirkt das Patriarchat wie ein gigantisches Beruhigungsmittel auf Testosteronbasis: ein System, das den Männern das Gefühl gibt, unverzichtbar zu sein, obwohl die Natur längst bewiesen hat, dass sie mit deutlich weniger auskommen würde. Die Frauen wiederum haben gelernt, mit dieser weltweiten psychologischen Maßnahme zu leben, sie gelegentlich zu unterlaufen und zwischendurch die eigentliche Arbeit zu erledigen, die dafür sorgt, dass die Menschheit nicht vor Langeweile, Hunger oder emotionaler Verkümmerung zugrunde geht.
Es ist zu vermuten, dass die Natur sich das alles ansieht und leise schmunzelt. Sie weiß ja, dass es theoretisch reichen würde, ein Drittel der aktuell vorhandenen Männer in eine parallele Realität zu befördern, und die Fortpflanzungszahlen würden kaum einbrechen. Praktisch passiert das heute allerdings nicht mehr durch Säbelzahntiger, sondern höchstens durch Start-ups, die „Männerthemen“ als Produkt definieren und dabei so nachhaltig scheitern, dass sie die globale Statik des männlichen Selbstbewusstseins doch spürbar ins Wanken bringen.
Bis dahin aber gilt: Das Patriarchat ist die letzte, große Höhle der Männer. Nur dass sie diesmal nicht hinausgehen müssen, um zu jagen. Sie bleiben drin, verteilen Zuständigkeiten, schreiben Protokolle und verabschieden Regularien, die ihnen das Gefühl geben, sie würden weiterhin die Welt retten. Und die Welt nickt höflich, während sie heimlich hofft, dass irgendwann jemand auf die Idee kommt, den Instinktteil und den Vernunftteil der Menschheit einmal neu zu mischen.





