Paul – französisch ausgesprochen, bitte, alles andere wäre Frevel – ist eine jener Figuren, die so tun, als seien sie nur Dekoration, während sie in Wahrheit die heimliche Direktion des Hauses innehaben. Er steht am Mittelkanal in Hamburg‑Hamm herum, angeblich nur, weil man das zehnjährige Jubiläum des Umzugs feiern wollte und jemand der Freyfrau einen Sack Zement und zu viel Vorstellungskraft hingestellt hat.
Seitdem ist er da, mit seiner Kochmütze aus Stoff, seinem Betonkittel mit viel zu unaufdringlichen Knöpfen und dem Holzlöffel, den er trägt wie andere ein Zepter oder zumindest eine eher bescheidene Insigne der Macht und Möglichkeiten.
Wohltemperiertes Glück
Paul ist ein Glücksfall in Person, beziehungsweise in Skulptur. Er ist leicht zufriedenzustellen: ein lauer Sommerabend, ein anständig gefülltes Weinglas im Sichtfeld, irgendwo klappert Geschirr und schon liegt diese zementene Andeutung eines Lächelns auf seinem Gesicht, als hätte ihm jemand gerade versprochen, dass es demnächst wieder Dessert gäbe.
Glück, das weiß Paul, ist kein Zustand, sondern eine Art gut temperierte Soße über dem Alltag: nicht zu dick, nicht zu dünn, möglichst ohne Klümpchen. Und hierin ist er Meister – nicht im Kochen der Soßen, das übernimmt die Küche, sondern im stillen Einverständnis mit ihrer Existenz.
Luft nach oben zwischen Kartoffelsalat und Kanalblick
Gleichzeitig wohnt in ihm eine leise Unzufriedenheit, die man auf den ersten Blick für eine Schattenfuge in der Betonarbeit halten könnte. Paul ahnt, dass um ihn herum – unter anderen Voraussetzungen, mit einem Umfeld aus weniger profanen Gestalten, die nicht alles in Minuten und Millilitern messen – Genüsse denkbar wären, die weit über das hinausgehen, was sich an einem durchschnittlichen Sommerfestbuffet so auftürmt.
Zwischen Kartoffelsalat und Grillzange spürt er, wie viel Luft nach oben ist: aromatische Höhenlagen, textliche Tiefe auf Speisekarten, Gespräche, in denen Wein nicht mit „schön fruchtig“ abgehandelt wird. Es ist, als stünde ein hochbegabter Sommelier lebenslang in der Limo‑Abteilung eines Getränkemarkts.
Dass er eine „Betonessa“ ist, macht die Sache nicht leichter. Betonessas haben es schwer, weil sie äußerlich wirken, als seien sie für Ewigkeit und Wetterfestigkeit zuständig, während sie innerlich an Feinabstimmungen arbeiten, die man eher von empfindlichen Menschen erwartet, die auf zu laute Kaffeelöffel im Porzellan reagieren.
Paul ist so einer. Er nimmt die Temperatur der Gespräche wahr, registriert, wenn Senf achtlos auf Teller geklatscht wird, und leidet diskret, wenn jemand sagt, Rotwein müsse „atmen“, um ihn dann in ein Glas zu kippen, dessen Form für Cola entworfen wurde. Man sieht es ihm nicht an, aber in seinem Inneren sitzt ein sehr kleiner, sehr französischer Maître, der sich anständig die Haare raufte, wenn er denn welche hätte, die nicht aus Stroh wären.
Ein Maître mit milder Nachsicht
Trotzdem ist Paul niemand, der die Welt verachtet, weil sie nicht seinem Ideal entspricht. Er steht da und macht das Beste aus dem, was vorbeikommt. Wenn Kinder ihn im Vorbeirennen kurz tätscheln, verbucht er das als Publikumsnähe. Wenn jemand den Holzlöffel aus Versehen als praktischen Ablageort für Grillzange oder Geschirrtuch missbraucht, betrachtet er das als Feldforschung in angewandter Alltagsästhetik. Und wenn spätabends noch ein letztes Glas eingeschenkt wird und irgendwer sagt: „Hach, ist das schön hier am Kanal“, dann weiß Paul, dass seine eigentliche Aufgabe erfüllt ist: Er ist der stille Patron des „Hach“.
So steht er, am Mittelkanal in Hamburg‑Hamm, an einem Ort, der weder Paris noch Provinz ist, sondern etwas Drittes: ein Zwischenraum, in dem sich das Große und das Kleinteilige mischen wie Kräuter in einer gut gelaunten Butter. Paul weiß, dass er mit den richtigen Komplizen – Menschen mit weniger profanem Blick und mehr Bereitschaft zum zweckfreien Genuss – noch ganz andere Festmahle möglich machen könnte.
Doch bis diese Truppe vollständig rekrutiert ist, tut er, was er am besten kann: Er hält Haltung. Mit Holzlöffel, Mütze und einem Lächeln, das andeutet, dass das Leben – und sei es aus Beton – noch lange nicht fertig abgeschmeckt ist.
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