Wenn Effizienz plötzlich alle können

Exzellenz - Adobe Stock

Es gab einmal eine Zeit, die noch nicht lange zurückliegt, in der Effizienz etwas war, das man ehrfürchtig betrachtete, ungefähr wie eine Person, die in einer fremden Küche einen Sparschäler findet und ihn dann auch noch richtig herum benutzt. Effizienz hatte Glanz. Wer effizient war, beantwortete E-Mails vor dem Mittagessen, ließ Meetings pünktlich enden und konnte vermutlich mit einer Tabellenkalkulation umgehen, ohne dass dabei jemand weinte. Das waren Menschen, denen man Verantwortung übertrug, Schlüssel, manchmal sogar den Zugang zum gemeinsamen Laufwerk.

Effizienz war die gepflegte Kunst, Dinge schnell, ordentlich und wiederholbar zu erledigen. Sie war das Gegenteil jener Betriebsamkeit, die sich darin erschöpft, acht Stunden am Tag ein Headset zu tragen und am Ende mit dem Satz „Da müssen wir jetzt mal draufschauen“ nach Hause zu gehen. Effizienz war ein Leistungsversprechen. Man muss nur bedenken, wie viele Beraterseminare, Wandtattoos und LinkedIn-Beiträge sie hervorgebracht hat. Ganze Wirtschaftszweige lebten davon, Erwachsenen mit gutem Schuhwerk beizubringen, dass man ein Problem möglichst nicht dreimal lösen sollte, wenn man es auch einmal lösen und dann als Prozess an die Wand hängen kann.

Das war alles nicht falsch. Es war nur exklusiver, als es uns heute erscheint.

Das Wunder der ordentlich erledigten Dinge

Dann kam die künstliche Intelligenz und setzte sich mitten in die Werkstatt. Sie trug keinen Blaumann, aber sie brachte etwas mit, das in den meisten Büros noch irritierender wirkt: die Bereitschaft, unverzüglich anzufangen. Man kann ihr eine unleserliche Notiz hinlegen, drei Stichworte, eine passive Aggression aus dem Vertrieb und den Satz „Mach mal was Vernünftiges draus“. Sie fragt nicht nach einem Workshop. Sie wartet nicht auf das Jour fixe. Sie legt los.

Plötzlich können Texte zusammengefasst, Listen sortiert, Angebote entworfen, Bildideen skizziert, Daten verglichen und E-Mails formuliert werden, bevor der Mensch überhaupt jene Gesichtszüge angenommen hat, die anzeigen, dass er innerlich bereit wäre, über Arbeit nachzudenken. Natürlich ist nicht alles davon gut. Ein Toaster kann schließlich auch toasten, ohne deswegen eine Meinung zum Frühstück zu haben. Aber vieles ist ausreichend gut. Oft sogar erstaunlich gut.

Und genau darin liegt die kleine Zumutung unserer Zeit: Effizienz wird gewöhnlich.

Sie ist nicht mehr das gepflegte Alleinstellungsmerkmal des Kollegen, der seine Mails farblich markiert und bei dem man immer vermutet hat, er könne im Notfall auch einen Flughafen leiten. Sie wird zur Infrastruktur, zum Hintergrundrauschen, zum funktionierenden Wasserhahn. Niemand lobt einen Wasserhahn, weil Wasser herauskommt. Man lobt ihn höchstens dann, wenn daraus Champagner fließt oder wenn er so schön ist, dass man kurz vergisst, dass man eigentlich nur die Hände waschen wollte.

Ausreichend gut ist nicht großartig

Das bedeutet nicht, dass Menschen nun überflüssig werden. Es bedeutet lediglich, dass wir uns möglicherweise verabschieden müssen von der Vorstellung, schnell zu sein sei bereits eine Persönlichkeit. Wer heute nur effizient arbeitet, verhält sich wie jemand, der stolz darauf ist, einen Einkaufswagen schieben zu können. Es ist nützlich, keine Frage. Aber man sollte daraus keine Oper machen.

Denn wenn alle das Handwerkliche, Wiederholbare und Routiniert-Ordentliche in kurzer Zeit hinbekommen, verschiebt sich der Maßstab. Dann wird jene Fähigkeit interessant, die sich nicht in eine saubere Eingabeaufforderung pressen lässt: Urteilskraft. Geschmack. Haltung. Die Gabe, aus zwanzig brauchbaren Möglichkeiten die eine zu nehmen, die nicht nur funktioniert, sondern etwas auslöst.

Das ist Exzellenz.

Exzellenz ist nicht die besonders teure Variante von Effizienz, kein goldener Rahmen um eine Excel-Tabelle und auch nicht das, was entsteht, wenn man ein mittelmäßiges Produkt mit dem Wort „Premium“ beklebt. Exzellenz beginnt dort, wo jemand nicht fragt: „Kriegen wir das hin?“, sondern: „Warum sollte es genau so sein?“ Sie erkennt, dass eine Speisekarte nicht besser wird, weil sie jede denkbare Unverträglichkeit in Schriftgröße acht aufführt. Dass ein Text nicht gewinnt, weil er alle Fakten enthält. Dass eine Marke nicht entsteht, weil ihre Farben in einem Styleguide stehen, den niemand jemals freiwillig gelesen hat.

Exzellenz hat mit Weglassen zu tun. Mit dem Mut zur Zumutung. Mit einer Genauigkeit, die nicht pedantisch wird, sondern selbstverständlich wirkt. Wie ein gut sitzender Mantel, dessen Qualität man erst bemerkt, wenn man einen anderen anzieht.

Die neue Arbeit beginnt nach dem ersten Entwurf

Künstliche Intelligenz kann uns also eine Menge abnehmen: das Leere, das Zähe, das Wiederkehrende. Sie kann die Holzscheite hacken, aber sie weiß nicht, ob es an diesem Abend überhaupt ein Feuer braucht. Sie kann hundert Varianten einer Einladung schreiben, aber nicht entscheiden, ob die Veranstaltung eine Einladung verdient hat. Sie kann einen Slogan finden, der korrekt klingt. Was sie nicht zuverlässig kann, ist erkennen, ob er nach Leben klingt oder nach einer Versicherung, die ihre Gefühle in zwölf Monatsraten auszahlt.

Die kommende Trennlinie wird deshalb nicht zwischen Menschen verlaufen, die KI nutzen, und Menschen, die sie nicht nutzen. Das wäre ungefähr so sinnvoll wie die Unterscheidung zwischen Menschen, die Strom verwenden, und solchen, die Kerzen für eine ausreichend skalierbare Zukunftstechnologie halten. Die Trennlinie wird zwischen denen verlaufen, die mit den neuen Möglichkeiten nur schneller das Übliche herstellen – und denen, die dadurch Zeit gewinnen, um etwas Eigenes, Besseres, Bleibenderes zu machen.

Das ist eine erfreuliche Nachricht. Endlich geht es nicht mehr darum, wer am geschäftigsten aussieht. Endlich darf wieder zählen, wer etwas zu sagen hat, wer Zusammenhänge sieht, wer einen Raum lesen kann und wer nicht bei der ersten brauchbaren Lösung stehen bleibt wie ein Wanderer vor einem Bahnhofskiosk.

Effizienz räumt die Bühne auf. Exzellenz betritt sie erst danach. Und sie trägt, wenn es gut läuft, keinen Blazer mit Namensschild.

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